Ableismus einfach mal sein lassen

„DEINE TEXTE SIND VOLL BEHINDERT!“

„Deine Mutter liebt dich, obwohl du Spast behindert bist.“ (Bass Sultan Hengzt – Klassenfahrt)
„Deine Mutter liebt dich, obwohl du Spast behindert bist.“ (Bass Sultan Hengzt – Klassenfahrt)

Hast du schon mal von Ableismus gehört? Das Wort kommt aus dem Englischen, wird „Able-ismus“ ausgesprochen und ist ins Deutsche rübergeschwappt, weil die Übersetzung „Fähigkeitismus“ die Sache nicht direkt einfacher macht.

Ableismus ist – ähnlich wie Rassismus oder Sexismus – eine Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und bedeutet, dass Menschen auf ihre KÖRPERLICHEN UND GEISTIGEN FÄHIGKEITEN REDUZIERT und anhand dieser bewertet werden. Ähnlich wie bei Rassismus und Sexismus werden auch beim Ableismus die „gut“- und „schlecht“-Schubladen aufgemacht und die betroffenen Menschen aufgrund ihrer (Leistungs-)Fähigkeit auf- oder abgewertet. Warum das großer Mist ist, kannst du vielleicht nachvollziehen, wenn du an die Schulzeit denkst: Wie oft wurde da jemand aufgrund schlechter Leistungen in Mathe oder Sport als dumm oder unsportlich abgestempelt – auch wenn die Person vielleicht in anderen Fächern oder Hobbys clever und beweglich war? UND WIE ÄTZEND HAT SICH DAS ANGEFÜHLT?

„Aber ich bin doch kein Nazi, nur weil ich sage, dass...‘ Doch genau das bist du und außerdem ein Spast!“ (Audio88 & Yassin – Schellen)
„Aber ich bin doch kein Nazi, nur weil ich sage, dass…‘ Doch genau das bist du und außerdem ein Spast!“ (Audio88 & Yassin – Schellen)

Menschen mit Behinderungen sind solcher Stereotypisierung ständig ausgesetzt, bis hin zu echter Gewalterfahrung. Viele Orte und Veranstaltungen sind nicht barrierefrei und somit nicht zugänglich für die betroffenen Menschen. Dass sich daran nicht schneller etwas ändert – es also zum Beispiel nicht mehr Rollstuhlrampen, mehr Gebärdendolmetscher* innen oder mehr Blindenleitsysteme gibt – liegt am verfestigten Ableismus unserer Gesellschaft, die Menschen häufig nach ihrer Leistungsfähigkeit bewertet. Weil jemand körperlich anders ist und vermeintlich bestimmte Fähigkeiten nicht hat, so sei die Person auch für die GESELLSCHAFT VON GERINGEM WERT und statt eines selbstbestimmten Lebens stehe ihr vor allem Mitleid und Fremdbestimmung zu.

„Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nur Terroristen Geistig behinderte Neofaschisten“ (Abstürzende Brieftauben – Nie wieder Pegida)
„Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nur Terroristen Geistig behinderte Neofaschisten“ (Abstürzende Brieftauben – Nie wieder Pegida)

Ableismus spiegelt sich auch im Reden und im Umgang miteinander wider. Sicher hast du auch schon Worte wie „SPAST“ oder „SCHWACHSINNIG“ gehört oder selber verwendet. Diese Sprüche helfen dabei, die Rangordnung der bürgerlichen Gesellschaft festzuzurren, und signalisieren den Nicht-Behinderten, dass sie zu den Bessergestellten der Gesellschaft gehören. Auch in positiv tönenden Redewendungen – „blindes Vertrauen“ beispielsweise – steckt oft eine Abwertung – in diesem Fall die Annahme, dass ein blinder Mensch bedingungsloses Vertrauen in andere haben müsse, um an der Gesellschaft teilhaben zu können.

„Du magst Nickelback und Unheilig magst du auch - Ich halte dich für einen Spasten“ (Juse Ju – Vorurteile)
„Du magst Nickelback und Unheilig magst du auch – Ich halte dich für einen Spasten“ (Juse Ju – Vorurteile)

Leider finden sich auch in den Texten von vielen unserer Lieblingsmusiker*- innen immer wieder Zeilen, die mal so gar nicht klar gehen. Auch in unserem Alltag müssen wir solche Sprüche immer wieder hören. Man könnte meinen, es wäre völlig normal, eine Behinderung als negatives Urteil zu verwenden. Auch Menschen, die nicht von sich behaupten würden, etwas gegen Menschen mit Behinderung zu haben oder diese auszugrenzen, verwenden solche Beleidigungen. Ihnen ist häufig nicht klar, wie sie damit bestärken, dass Menschen ausgeschlossen werden, die nicht in die Hack- und Leistungsordnung passen. Wer die Beleidungen dagegen ganz bewusst verwendet, ist schlicht ein Arschloch.

„Ich verarsche Blinde – „Na, wie fandste Batman Dark Knight? American Pie, Avengers und Men in Black 3? (...) Piss‘ auf die Penner, dann box‘ ich die Weiber, geh‘ mit einem Blinden ins Kino Vertick‘ in der Schule die Schore, dann tret‘ ich behinderte Kinder“ (Juliens Blog – 11. September)
„Ich verarsche Blinde – „Na, wie fandste Batman Dark Knight? American Pie, Avengers und Men in Black 3? (…) Piss‘ auf die Penner, dann box‘ ich die Weiber, geh‘ mit einem Blinden ins Kino Vertick‘ in der Schule die Schore, dann tret‘ ich behinderte Kinder“ (Juliens Blog – 11. September)

Wenn dir also das nächste Mal Ableismus zu Ohren oder über die Zunge kommt, reflektier doch mal, woher das kommt. Sprich mit deinen Mitmenschen, ob man das nicht auch anders hätte ausdrücken können. Wir passen in Zukunft jedenfalls lieber ein bisschen mehr auf – für eine solidarische Gesellschaft, FREI VON DISKRIMINIERUNG!

Dieser Text gehört zur Text- und Plakatsammlung über Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Musiktexten. Insgesamt gibt es sieben davon: Zu den Themen Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Homofeindlichkeit, Ableismus und Sexismus – und darüber, was wir feiern und was wir feiern wollen. Alle Themen gibt es online als Text und als druckbares A2-Plakat zum Download. Klickt auf die Links, um zum jeweiligen Thema zu gelangen oder hole dir die ganze Sammlung.

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