Die Leipziger Buchmesse 2018 – Ein Rückblick

Rückblick auf die #LBM18

Ihr Lieben,
heute wollen wir über etwas sprechen, das wir im wahrsten Sinne des Wortes als halbherzig bezeichnen können: Die Leipziger Buchmesse.

Fangen wir mit dem gänzlich Unherzigen an: Die Leipziger Buchmesse gab in diesem Jahr dem neurechten “COMPACT-Magazin”, dem völkisch nationalistischen “Verlag Antaios” sowie der neonazistischen Stiftung “Europa Terra Nostra” eine Bühne. Auch der “Jungen Freiheit” wurde ein Standplatz zugeteilt, den diese jedoch ablehnte, da sie sich mit den anderen rechten Verlagen in eine Ecke gedrängt sah, die sie im Gegensatz zu den drei anderen nicht offen zur Schau trug. Und so kam es, dass in der hinteren rechten Ecke von Halle 3 drei stramm rechte Publizierende zu finden waren, die sich auf der ihnen zugeteilten Leseinsel ganz lässig über den “Regimesturz” unterhalten durften. Rund um “COMPACT” sammelten sich wie gewohnt stämmige Secus, Aluhuttragende und vor allem ältere Klientel – vor schicker Standpräsentation wurden hässlichste Ideologien ausgetauscht.

Familie Kubitschek tauchte nebenan derweil beinahe geschlossen und mit dem gewohnten Trupp Identitärer wie Jörg Dittus oder Alexander Kleine (1) auf. Mario Müllers Nase (2) wurde nicht gesichtet, der Rest von ihm ebenso wenig. Auch ohne sein riesigstes aller Objektive fanden sich Messebesucher*innen dennoch rund um “Antaios” zig Kameras ausgeliefert. Kubitschek und Kositza waren bedacht darauf, die Bilder zu bekommen, die sie von der Messe mit in ihr Dorf nehmen wollten und stellten ihre eigenen Kinder dafür ab, aufgeregt rund um den Stand Schilder bereit zu halten – jeder Zeit bereit, ihre vorhersehbare Show abzuziehen.

Und dann war da noch “Europa Terra Nostra”, an deren Stand zigmal die gleichen Auslagen der “Deutschen Stimme” rumlagen. Ihr prominentester Besucher war Udo Voigt, ehemaliger NPD-Parteivorsitzender. Und damit wäre zum Stand eigentlich schon alles gesagt, denn die neuen Faschist*innen haben den Altnazis mit ihrem plumpen “Deutschland zuerst” sichtbar den Rang abgelaufen.

Und dazwischen: Prominente neonazistische und neurechte Gäste wie Sven Liebich oder Reinhard Rade (3), private Security und immer wieder Drohungen gegen Menschen, die sich in die Ecke wagten und als Antifaschist*innen erkannt oder vermutet wurden. Einige von ihnen wurden hunderte Meter durch die Hallengänge verfolgt, andere erhielten Morddrohungen oder erfuhren körperliche Gewalt.

Gruselig, oder? Und darum nun der alleroberherzigste Teil:

So, so viele Menschen haben sich dem Treiben entgegengestellt und den menschenfeindlichen Ideologien widersprochen! Bereits am Mittwoch läutete die Kampagne “Verlage Gegen Rechts” mit der Kundgebung “Meinungsfreiheit nutzen, Rechten widersprechen!” (4) eine Buchmesse ein, die von ihren Besucher*innen einfordert, politisch zu sein. Vor dem Gewandhaus wurden spannende Reden gehalten und mit der anschließenden Aktion “Büchermeer” ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit ihren Lieblingsbüchern und -Zitaten zeigten mehrere hundert Leipziger*innen, Publizierende und Messebesucher*innen, dass sie nicht nur für vielfältige Literatur, sondern auch für eine vielfältige Gesellschaft auf der Buchmesse sind. Die Gruppe “The future is unwritten” machte mit einer lautstarken Transpi-Aktion (5) deutlich, dass sie nicht bereit ist, die Toleranz der Leipziger Messe gegenüber rechten Ausstellenden zu akzeptieren.

Konfetti auf der LBM18

Und dann ging sie los, die Leipziger Buchmesse. Während draußen das Schneegestöber begann, regnete es drinnen Konfetti für die Nazis – sehr cooles, mit sehr eindeutigen Botschaften (6). Wir selber hatten unser stinkewütendes Opossum Oggie mitgebracht und freuten uns über die vielen Menschen, die sich unsere Flyer durchlasen und das Kreuzworträtsel lösten (7). Ein spezielles Dankeschön geht hier an die Standbetreiber*innen rund um die rechten Verleger*innen sowie die Antiquariatsmesse, die ihren Besucher*innen gerne verschiedene Infoflyer (8) bereit legten.

Und habt ihr euch eigentlich euer Glas frische Ziegenmilch an Stand H601 abgeholt? (9)

Samstag kam es schließlich zu direkten Protestaktionen

Die Gruppe “Prisma” hatte ein besonderes Geschenk für Kubitschek dabei: Nein, damit meinen wir nicht mal direkt das gebastelte Holzschwert für den selbsternannten schwarzen Ritter, sondern eine ziemlich starke Performance neben den Ständen (10). Mit klugen Redebeiträgen, deeskalierendem Verhalten und feinster Frechheit wurde direkt vor Ort die Meinungsfreiheit genutzt, um “Antaios”, “COMPACT” und “Europa Terra Nostra” als das zu entlarven, was sie sind: Faschist*innen.

Kurz darauf wollten die Antifaschist*innen von “The future is unwritten” nicht akzeptieren, dass Götz Kubitschek ungestört seine menschenverachtende Ideologie auf der Leseinsel verbreiten darf: Sie entrollten vor der Bühne ein Transparent und machten auch rufend klar, dass sie das Verbreiten rechter Hetze nicht dulden (11). Auch das Kollektiv “IfS dichtmachen” berichtet von direktem Protest (12) – vor allem aber davon, wie die Rechten darauf reagierten. Wer nun denkt, unter dem Deckmantel der Messeausstellenden oder gar der Meinungsfreiheit wurde friedlich verhandelt, das man keine Störung wünsche, irrt sich. Kaum wurde das Transparent entrollt, kaum war der erste “Refugees are welcome here”-Ruf zu hören, stürzten sich identitäre und neonazistische Schläger auf die Protestierenden. Unter “Jeder hasst die Antifa”-Rufen wurden Menschen geschubst und geschlagen.

Was folgte, war ein Messesonntag, an dem die Rechten ihre “national befreite Zone” am Rand von Halle 3 erreicht hatten. Die Schlägertrupps waren wieder vor Ort, auch dem schwurbeligen Störenfried Sven Liebich wurde seitens der Messe kein Hausverbot erteilt – obwohl er offen Menschen anging und bedrohte (13).

Konfetti und Sticker auf der LBM18

Wir finden es stark, was Leipziger*innen auf die Beine gestellt haben! Von Worten über Konfetti bis hin zu direkten Aktionen war der Protest vielfältig und deutlich. Vor allem nach der Frankfurter Buchmesse waren wir uns ungewiss, was, außer vielleicht einer großen Mauer um sie herum, das richtige Mittel gegen den Auftritt der Faschist*innen sei. Fest steht aber: Es hat etwas mit Widerspruch zu tun. Es ist wichtig, solidarisch die Aktionen durchzuziehen, die jede*r selbst für richtig hält und mit denen mensch sich wohlfühlt. Lasst uns weiter daran arbeiten, die Rechten bloßzustellen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und ihnen keine ruhige Minute zu lassen. Bis sie ihre Menschenverachtung höchstens noch ihren Ziegen vortragen.

Links

Eine ganz dringende Leseempfehlung ist der Text “Rechte auf der Leipziger Buchmesse – und nun?” von Pure Coincidence. Außerdem hat die Gruppe Prisma noch einen längeren Auswertungstext “Vom ersten Versuch, das Unerwartete zu tun” geschrieben.

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